Der Wechsel in ein neues Jahr bietet Anlass, über
Wünsche, Ziele und notwendige Korrekturen eigener Verhaltensweisen (bzw. die
Erfolgschancen dafür) nachzudenken. Ich habe mir auch so meine Gedanken gemacht
- über eigene Vorsätze als Blogger. Mit dem nachfolgenden Beitrag über Stil und
Etikette des Bloggens komme ich ein wenig aus der Deckung hervor und tauche ein
wenig ein in den Teil der Blogosphäre, in dem es schwerpunktmäßig um die
GUS-Länder, um die Beziehungen der deutschsprachigen Länder zu ihnen, um
Russland-Deutsche, Ukrainisch-Deutsche, Spätaussiedler und Touristen geht. Als
Anknüpfungspunkt dient mir eine Debatte in der Szene, die im Frühjahr 2007 ihren
Anfang nahm.
Hohe Wellen schlug ein Streit Mitte 2007 zwischen
Heribert Schindler (Blog Rossijskaja
Federazija) und Jürg Vollmer (Blog Krusenstern), in die sich ein
paar weitere Blogger warfen, z.B. eine Gruppe, die anonym unter Admiral Golowko eine Art Krusenstern-Watchblog
betreibt. Es gab Solidaritätsbekundungen für die eine oder andere Seite, andere,
die sich neutral kritisch äußerten.
Was Ihr wollt -
Inschutzname selbstverteidigungsfähiger Dritter
Ein wohl schon schwelender Streit - ist es unzutreffend,
wenn ich schreibe, um Stil und Journalismus? - nahm an Heftigkeit zu, als
Krusenstern-Blogger Jürg Vollmer in einem Artikel über Schröders Rolle bei der
Entwicklung des deutsch-russischen Erdgasgeschäfts Schröder einen
"Gazprom-Söldner" nannte. (Nebenbei: das Gemeinschaftsunternehmen Nord Stream
AG, dessen Aufsichtsratsvorsitzender Schröder wurde, hat seinen Sitz in der
Schweiz, dem Heimatland von Jürg.).
Daraufhin verlangte Heribert Schindler vom deutschen
Blog Rossijskaja Federazija (anscheinend ohne sich von einem Anwalt hat beraten
zu lassen) von ihm die Zurücknahme und Löschung dieser Äußerung und eine
Entschuldigung bei Gerhard Schröder unter Androhung einer Strafanzeige wegen
Beleidigung und Verleumdung. Jürg Vollmer kam dem Verlangen nach einer Löschung
und Entschuldigung wohl nach, aber nutzte diese Drohung zur eigenen
(Selbst-)Darstellung auf Kosten von Schindler, was die Stimmung weiter anheizte.
Admiral Golowko verlieh Jürg dann den Titel eines Wichtigtuers. Seinerseits
musste sich das Team von Admiral Golowko Schelte wegen seines anonymen
Auftretens gefallen lassen.
Heribert Schindler erklärte später in einer
Entschuldigung bei seinen Lesern auf seinem Blog seine Motive, so (übereilt)
gehandelt zu haben. Diese sollte man am besten bei ihm nachlesen, wen es interessiert.
Soweit ich das mal als
Unbeteiligter sehe, war er nicht damit einverstanden gewesen, dass
seine Kommentare auf Jürgs Blog nicht (so) zugelassen worden sind,
wie er sie geschrieben hatte. Heribert Schindler verzichtet auf
seinem Blog anscheinend ganz auf sein Haus-Zensurrecht und erwartet
das vielleicht – eine Vermutung – auch von allen anderen
Bloggern. Er äußerte zu seiner Tat, er habe nur Gleiches mit
Gleichem heimzahlen wollen. Beweise oder Indizien dafür, dass Jürg
ihm, wie er schrieb, auch gedroht haben soll, sind mir keine bekannt
geworden. Weil das auch gar keine Rechtfertigung sein könnte, wenn
es wahr wäre, weil die Drohung mit einem Anwalt so oder so
unverhältnismäßig war und womöglich den Tatbestand eines
Nötigungsversuchs (§ 240 Abs. 3 StGB) verwirklicht haben könnte,
ist es müßig, darüber zu mutmaßen, ob das eine Schutzbehauptung
ist.
Naja. Einen rüden Umgangston haben wir im vergangenen
Jahr ja auch auf ganz hoher politischer Ebene erlebt, Stichwort Georgien-Krieg,
Raketenstationierung in Polen. Und was es nicht alles für verzerrte, einseitige
Berichterstattungen gab; da kann man schon mal aus der Haut fahren ...
An dem Streit zwischen einem schweizer und einem
deutschen Blogger lässt sich beispielhaft einiges Grundsätzliches erläutern. Für
mich wäre dieser Streit es wert, als Klassiker-Fall in ein (Lehr-)Buch über Web
2.0 oder wenigstens über das Blog-Schreiben aufgenommen zu werden.
Ein paar Anmerkungen zur
Bloggerehre und zu Does und Dont´s
Nun, der Streit um die mögliche Beleidigung Schröders
(Ob es eine war, lasse ich mal dahingestellt sein.) ist wohl erledigt, wie ich
aus dem Eintrag
im xsized-Blog mit zugehörigen Kommentaren herauszulesen meine. (... hoffe
ich. Es muss im Kommentar hierzu nicht wieder eine Fortsetzung geben.).
Die Auseinandersetzung um die Verwendung fremder
Nachrichten und die redaktionelle Bearbeitung fremder Kommentare im eigenen Blog
ist mitnichten zu Ende. Amositäten zwischen Bloggerkollegen wird es weiterhin
geben, weil die Blogger unterschiedliche Ansprüche an die Qualität des Bloggens
(ihres Blogs) haben, mit ihrem Blog unterschiedliche Zwecke verfolgen.
Manche mögen sich auch für den Ruf ihrer Gilde und ein gewisses Niveau des
Online-Journalismus einsetzen, aber auch für eine wahrheitsgemäße
Berichtserstattung über Russland einerseits, die Ukraine andererseits. Es ist
nicht immer leicht in jeder Wortmeldung zu jenem Streit erkennbar, ob dieser
individuelle Qualitätsanspruch die Motivation für die Beteiligung an dem Streit
war oder etwas anderes. Es beteiligen sich ja auch nicht nur Journalisten
(Profis), sondern sich betroffen Fühlende, citizen journalists. Nach dem Lesen weiterer Einträge auf
Rossijskaja Federazia erkenne ich, dass es nicht (nur) um die Qualität des
Online-Journalismus geht, sondern um Moralfragen wie widersprüchliches
Verhalten, Scheinheiligkeit oder Verantwortungsgefühl. Da klingt echte
Antipathie mit, wo moralisches Fehlverhalten vorgeworfen wird. Da erscheint mir
das Motiv-Muster: Erfolg (eines Blogs) wegen oder trotz fehlender Skrupel? -
Warum?
Ich hoffe, mir bleiben derartige Anfeindungen oder
öffentliche Verrisse, wie ich sie hier nachträglich teilweise nachvollzogen
hatte, erspart und dass mir ehrverletzende Ausrutscher in dieser Öffentlichkeit
nicht unterlaufen. - Freilich hat jeder seinen eigenen Begriff von Wertigkeit
und Ehre. Die verletzte Ehre des Einen ist die Zensur für den Anderen (oder: Die
Verteidigung der Ehre des Einen war der Angriff auf die journalistische Freiheit
des Anderen). Man kann als Blogger sich nie sicher wähnen, niemanden zu
verletzen. Aber wenn man durch Preisverleihungen öffentlich Anerkennung und mehr
Aufmerksamkeit erhält, kann man sich im Umgang mit Kritikern (vielleicht gar
Neidern) bewähren. Gegen aufkommende Neidgefühle bin ich auch nicht immunisiert.
Auch bin ich nicht frei von jeglichen Vorurteilen gegen Russland, (auch ein
Stichwort für heftige Kontroversen in diesem Bereich der Blogoshäre), denn woher
ich meine Informationen beziehe - das ist häufig schon vorgefärbt, ohne dass ich
das immer erkennen kann. Derweil möchte ich erst mal bei meinem weniger
emotionalen, distanzierteren Schreibstil bleiben. Das hat, denke ich, gerade
auch den Vorteil, dass es mir leichter fällt, mich gegen polarisierende
Vereinnahmungen zu erwehren, ohne dabei unhöflich zu werden.
Ist doch interessant, diese Vielfalt der Perspektiven in
der Russland- und GUS-bezogenen Blogoshäre: Russische Blogs von Russen in
Russland (Kenne keinen von dort in deutscher Sprache über Deutschland, aber Jürg
Vollmer erwähnte in einem Kommentar auf dem Blog Journalist und Optimist, dass es einige
im russischen LiveJournal geben soll.), von Russen in Deutschland, von Deutschen
in Deutschland, von Schweizern und Deutschen in der Ukraine ...
Deutsch-Russische Blogger in Deutschland gegen Deutsch-Ukrainische Blogger
(aktuelles Beispiel: Russland dreht die Gasleitung in die Ukraine zu.). Da
sprühen schon mal die Funken... Das kann sehr unterhaltsam und lehrreich
sein.
Dass die hier lebenden Russen und Ukrainer die
inhaltlichen Fehler von uns Deutschen und den Schweizern über Russland, die
Ukraine oder anderen ehemaligen Republiken der UdSSR korrigieren, ist doch in
Ordnung. Es ist doch häufig deren Heimspiel und mein Auswärtsspiel, wenn ich
Tatsachen behaupte, über die ich meine Meinung kundgeben möchte. Ich lerne
dadurch zusammen mit meinen Lesern. Völkerverständigung ist doch ein akzeptables
Motiv für einen Deutschen zum Bloggen, der Russland mehrfach bereiste, oder?
Lernen aus Diskussionen sowieso. Es fällt nur schwerer, Korrekturen anzunehmen,
wenn diese zu bitter serviert werden. Wo hört Satire (Beispiele dafür bietet das
Fernsehen mit Politkabaretten wie dem Scheibenwischer oder "Neues aus der
Anstalt" mit Urban Priol) auf und fängt Zynismus an? Wenn man verbal ein paar
reingehauen bekommt, macht man die Deckung zu.
Ich schreibe auch über meine eigenen Erlebnisse in
Russland. Da bin ich knausriger gegenüber Korrekturen Dritter, was die
berichteten Tatsachen betrifft, doch auch offen gegenüber Rückmeldungen über
meine Interpretationen der von mir in Russland erlebten Vorfälle, Hilfe bei der
Aufklärung von Missverständnissen. Wenn es in einer Weise passiert, die mir die
Chance bietet, mein Gesicht zu wahren.
Der Blogger als Zensor
Man kann dem Blogger generell keinen Vorwurf machen,
wenn er manche Kommentare nicht zur Ansicht freigibt. Der (Selbst-)Zensur, der
er sich (als Chefredakteur) unterwirft, müssen sich auch die Gäste unterziehen.
Es gibt generell keinen Anspruch gegen den Blogger, als Kommentator zu Wort
kommen zu dürfen, genauso wenig wie Leser einer Zeitung Anspruch gegen diese
haben, dass ihr Brief auf der Leserseite veröffentlicht wird. Man mag aus so
einer Zensur (=Ausübung des Hausrechts) seine Schlussfolgerungen ziehen - sollte
aber doch nicht erwarten, dass andere ebensolche Ehrenmänner sind wie man
selbst. Besser, man stellt an sich höhere Ansprüche als an andere. Dann geht man
weniger frustriert durchs Leben.
Interessant ist die Frage, ob Gerichte einer Person,
über die in einem Blog/Posting geschrieben wird, wie bei Printmedien einen
Anspruch auf Gegendarstellung zusprechen würden, wenn die betroffene Person
meint, dass sie sinnentstellend zitiert oder interpretiert worden ist oder wenn
ihr Kommentar sinnentstellend redigiert worden ist. Bisher ist mir keine
Gerichtsentscheidung zu dieser Frage bekannt.
Kommentare zu meinen Postings müssen freilich erst
meiner Stil- und Etikette-Prüfung passieren, bevor sie online frei gegeben
werden. Zurzeit sind Kommentare rar und jedes Gericht würde mir zumuten, dass
ich aufpasse, dass in meinen Kommentaren nicht Dritte beleidigende Äußerungen
geschehen. Aber ich nehme für mich in Anspruch, sogar noch etwas strenger zu
kontrollieren, selbst dann noch Kommentare herauszufiltern, wenn sie rechtlich
nicht bedenklich sind, weil ich eben einen gewissen sachlichen Bezug zu den
Postings erwarte. Und da mag es Kommentare geben, die stilistisch nicht zu
meinem Eintrag passen. Dann stellt sich die Frage, ob sie noch für eine
Veröffentlichung zu retten sind, indem Stilblüten [...NEXT]
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